«Feu sacré» braucht es in der Forschung, für Innovationen und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt


«Feu sacré» braucht es in der Forschung, für Innovationen und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Prof. Dr. Christian Leumann, Rektor Universität Bern

Eine funktionierende und offene Gesellschaft ist neben klugen und gut ausgebildeten Köpfen auch auf deren persönliches Engagement angewiesen. Deshalb unterstützt die Universität Bern als Bildungspartner den Ideenwettbewerb «Wunsch-Schloss». Mir ist wichtig, junge Menschen zu gesellschaftlicher Gestaltung zu motivieren und für einen engagierten und leidenschaftlichen Einsatz zu begeistern.

Der Begriff Engagement hat dabei zwei Bedeutungen. Beide prägen eine offene, freiheitliche und innovative Schweiz. «Engagieren» drückt aus, dass eine Person mehr Einsatz zeigt, als von ihr erwartet wird. Salopp ausgedrückt, ist «engagieren» ein Gegenentwurf zu einer konsumierenden «Nine-to-five»-Mentalität.

Tagtäglich sehen wir an den Hochschulen viele engagierte Menschen. Studierende, Dozierende und Forschende, die sich begeistern lassen und sich aus ihrem eigenen Antrieb heraus, ihrem Lehr- und Forschungsgebiet widmen, Grenzen ausloten und Neues entdecken. Sie lockt das Unbekannte. Im Idealfall verändert eine Entdeckung das Verständnis über die Zusammenhänge der Welt, zum Beispiel bei Charles Darwins Evolutionslehre, Einsteins Relativitätstheorie, aber auch modernen Entdeckungen wie der Entschlüsselung des menschlichen Genoms oder der Genschere CRISPR-CAS.

Die engagierten Menschen lassen sich begeistern, sind neugierig und entdeckungslustig. Intrinsisch motivierte Frauen und Männer treiben Forschung und Entwicklung. Die Universitäten widmen sich der Grundlagenforschung, ihre Aufgabe ist aber auch, Erkenntnisse für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Engagierte Menschen sind an Hochschulen Katalysatoren, die in einem rohstoffarmen Land für Innovation, wirtschaftliche Stabilität und Wohlstand sorgen. Im besten Fall erreichen Forschende Lösungen für Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft, aber auch als Menschheit stehen. Dabei ist ebenso an den Klimawandel zu denken wie an Umwälzungen, die durch digitale Transformation und eine sich rasch veränderte Arbeitswelt entstehen. Dazu kommen Veränderungen, die in der Schweiz und weltweit zu spüren sind wie Migration, gesellschaftliche Ungleichheit und ein fundamentaler Wandel der Werte und der politischen Aushandlungsprozesse.

Und dies führt zur zweiten Bedeutung von Engagement: Das freiwillige gesellschaftliche Engagement hält die Gesellschaft zusammen, stiftet Beziehungen jenseits unmittelbarer ökonomischer Transaktionen und ist als Kitt unserer Zivilgesellschaft notwendig und unerlässlich. Kürzlich las ich in der Tagespresse, dass politisches Engagement unter Jungen gemeinhin als uncool angesehen wird. Dies schlägt sich auch in Zahlen nieder, so beispielsweise im «Freiwilligen-Monitor», einer Erhebung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG in Zusammenarbeit mit dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. Demnach engagieren sich die nach 1980 Geborenen weniger in Vereinen und Organisationen, sie spenden weniger und sie setzen weniger Zeit in der freiwilligen Arbeit ein.

Positive Resultate gibt es dennoch. Politische Gestaltungsversuche wirken, sagt Politikwissenschaftler Markus Freitag, der an der Universität Bern zu Freiwilligenengagement forscht. Sie können Engagement fördern und mobilisieren und zu einer Ausweitung freiwilliger Tätigkeit breiterer Bevölkerungsschichten führen. Weitere pragmatische Vorschläge aus seiner Liste von 150 Ideen zur Gestaltung von Sozialkapital lauten etwa, "sich über den Milizgedanken aufklären zu lassen" oder "einer Person vorschlagen, zu handeln, anstatt sich über die Regierung zu beklagen," aber auch "an einem Projekt mitzuarbeiten, an dem Personen aus allen sozialen Schichten beteiligt sind."

Als Universität Bern unterstützen wir zivilgesellschaftlich getragene Aktivitäten, wie das «Wunsch-Schloss», die zu einer aktiven Teilnahme an einer vielfältigen und offenen Gesellschaft führen. Das «Wunsch-Schloss» lädt ein, über Zukunftsfragen nachzudenken und Lösungen zu formulieren. Es hat das Potenzial, neuen Ideen und Visionen Gehör für das Zusammenleben in der etablierten Parteienlandschaft zu verschaffen. Deshalb laden wir ein zu mutigen und visionären Eingaben.