Smartphone-Demokratie


Smartphone-Demokratie

Naëmi Rickenmann

Die Demokratie lebt vom zwischenmenschlichen Austausch. Sie kann viel aushalten, ist aber dennoch ein fragiles Gebilde. In der heutigen Zeit gerät dieses Gebilde durch die Digitalisierung und Globalisierung unter Druck. Und den Akteuren werden gleichzeitig neue Handlungsfelder eröffnet. Nationale Wahlkämpfe werden digital fremdgesteuert und damit internationalisiert. Es braucht Alternativen zu Facebook & CO, die die positiven Potenziale des Internets zur Stärkung der Demokratie nutzen. Es braucht neue Formen des Dialoges, des Diskurses, um unsere komplexe Welt erklärbar und begreifbar zu machen. Dem Populismus und der Ideologie muss der Nährboden entzogen werden.

Und genau deshalb unterstützt der StrategieDialog21 das neue Buch Smartphone-Demokratie substantiell - Ein Grundlagewerk von Adrienne Fichter erschienen im NZZ Libro Verlag. .

Fünf vor Zwölf - Es ist an der Zeit. Um die Demokratie von morgen zu stärken, müssen wir heute als Gesellschaft über die digitalen Partizipationsmöglichkeiten sprechen. Selbstbestimmt und frei von globalen Technologiekonzernen oder staatlicher Doktrin.

In unserem Denkanstoss beantwortet Adrienne Fichter Fragen zum Phänomen Smartphone Demokratie und sie deckt Handlungsspielräume für die Schweiz auf.

 

Was hat die Schweiz und was fehlt ihr?

Adrienne Fichter: Die Schweiz ist ein rohstoffarmes Land und hat sich viele Nischen in der Wirtschaft erarbeitet. Mit dem Bildungssystem, der Stabilität des Rechtsstaates und auch der Zuwanderung von ausländischen Fachkräften ist die Schweiz ein Hort für Innovations- aber auch Erfindergeist geworden. Was ihr fehlt: Der Mut und der Wille, Pionierin zu sein und Digitalisierung mitzugestalten, anstelle nachzuvollziehen. Klar riskiert man damit wenig, aber man vergibt so auch Chancen für mehr Effizienz, Experimentierfreudigkeit und verliert an Anziehungskraft. Ausserdem fehlt zurzeit ein positives Narrativ für eine offene, liberale und urbane Gesellschaft in der öffentlichen politischen Debatte. Die Heidiland-Schweiz, die es so gar nicht mehr gibt, ist in den Köpfen noch stark verankert und erstrebenswert. Doch eine gemischte Gesellschaft, ein solider Rechtsstaat, starkes Unternehmertum und Wohlstand für alle schliessen sich nicht aus, im Gegenteil.

Wie mutig bist du? Und muss die Schweiz mutiger sein?

Adrienne Fichter: Ich bin insofern mutig, als dass ich meinen gut bezahlten und attraktiven Job bei der NZZ aufgegeben habe, um ein Buch zu schreiben. Ausserdem lebe ich jetzt vom freien Journalismus und von Referaten, kein risikoarmes Unterfangen. Aber die Themen, die mich interessieren Digitalisierung, Netzpolitik, Social Media stossen auf ein grosses Interesse. Die Wahl von Donald Trump hat ein «Momentum» kreiert, dafür bin ich ihm sogar fast dankbar.

Die Schweiz soll unbedingt mutiger sein, auch in der Finanzierung von Startup-Ideen. Sonst wandern diese Köpfe ins Ausland. Ich wünsche mir mehr Ehrgeiz und Vision in der Digitalwirtschaft, vor allem auf Seiten der Förderer und Geldgeber.

Dein Buch heisst „Smartphone-Demokratie“. Was kann man sich darunter, kurz zusammengefasst, vorstellen?

Adrienne Fichter: Die Digitalisierung hat auch Auswirkungen auf die demokratische Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. Zurzeit sind die sozialen Netzwerke die dominante Architektur der digitalen Demokratie. Vorherrschend sind die Mobile Apps von Facebook und Twitter. Deswegen auch der Titel. Filteralgorithmen bestimmen, welche Informationen wir sehen und worüber wir debattieren. Facebook führt Experimente an der Demokratie durch und beobachtet welchen Einfluss das Netzwerk auf die Wahlbeteiligung hat. In Zukunft werden neue Tools und Technologien hinzukommen, die auch das Staatswesen digitalisieren (nicht nur die Meinungsbildung). Künstliche Intelligenz und Machine Learning beeinflussen die Säulen unserer Demokratie: Die Informationen, die wir konsumieren, die Art wie wir debattieren und die Öffentlichkeit. Vielleicht heisst das nächste Buch dann auch Roboter-Demokratie. Es liegt an uns diese Spielregeln im Netz zu beeinflussen und mitzubestimmen. Und die Politik muss sich dringend für die Gestaltung der digitalen Demokratie interessieren, anstelle das Feld den börsennotierten Technologiekonzernen zu überlassen, die u.a. von den politischen Werbeeinnahmen leben.

Womit müssen wir in der Schweiz beginnen, damit eine digitale Demokratie entstehen kann und wen können wir als Vorbild nehmen?

Adrienne Fichter: Viele Digitalpioniere, mit denen ich gesprochen habe im Rahmen meiner Buchrecherchen, kämpfen für ein Demokratie-Modell, wie wir es in der Schweiz haben. Aber auch bei uns ist nicht alles im Lot, man blicke auf die niedrige Wahlbeteiligung. Es wäre zum Beispiel vorbildlich, wenn der Bundesrat eine digitale Polis für Volksinitiativen und Referenden schaffen würde, ein intelligentes Netzwerk wo sich die gesamte Schweiz trifft an einem Mittwochabend. Zum Beispiel um im Netz die kommenden Abstimmungen miteinander zu diskutieren. Auf eine spielerische und lustvolle Weise. Ohne Algorithmen, die uns gegenseitig voneinander abschotten. Sondern moderiert und begleitet. Mit der Abbildung aller politischen Meinungen, die durch KI sortiert werden. Dadurch könnte eine konstruktive positive und deliberative Debattenkultur entstehen. Ausserdem wäre die Einführung der digitalen Unterschrift für Volksinitiativen und Referenden eine Möglichkeit, dass neue Kreise ohne finanziellen Ressourcen Anliegen in den politischen institutionellen Prozess einspeisen könnten. Dies müsste natürlich einhergehen mit einer Erhöhung der Unterschriftenzahl und weiteren Hürden. Dadurch würden neue themenspezifische politische Ad hoc-Netzbewegungen entstehen und ganz neue Fragen auf der politischen Agenda verhandelt werden. Es ist an der Zeit eine Digitale Demokratie «swiss made» zu entwickeln und zu propagieren.