Wer hohe Türme bauen will, muss lange am Fundament verweilen: Was macht die Wirtschaft? 


Wer hohe Türme bauen will, muss lange am Fundament verweilen: Was macht die Wirtschaft? 

Stephan Aebersold

Wir sammeln für Sie monatlich News-Artikel und Blogposts, die in diesem Monat die Schweiz bewegten. Sie betreffen die Kernthehmen des StrategieDialog21 (Bildung & Kultur, Wirtschaftsf & Technologie und Gesellschaft & Individuum) und aktuelle Debatten.

Gutes Handwerk, ein solides Fundament und Engagement werden in vielen Bereichen benötigt, so auch in der Politik. Das habe ich bereits in meinem ersten Blogpost erläutert. Auch die Wirtschaft muss sich diesbezüglich verändern, wenn sie positive Veränderung will. Sie muss u.a. an ihrem Verständnis arbeiten. Sie kann zum Beispiel viel selber in die Hand nehmen, bevor andere es tun. Ein aktuelles Beispiel dazu stellt die drohende Regulierung zur Lohngleichheit von Mann und Frau dar. Die Wirtschaft hatte es tatsächlich lange in der Hand gehabt; sie hätte handeln und sich selber entsprechende Rahmenbedingungen auferlegen können, frei nach dem Prinzip „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Weshalb die Wirtschaft das 33 lange Jahre nicht gemacht hat, wurde bisher nicht schlüssig beantwortet. Etwas provokativ gefragt: Wollte oder konnte niemand vorangehen?

Um Dinge verändern zu können, braucht es neben Visionen, Sinn und Einsicht auch entsprechende Leaderpersönlichkeiten, die gestalten, die in die Handlung gehen, Dinge verändern und Verantwortung übernehmen. Fähige Führungsleute sind Vorbilder und LEBEN Werte VOR. Leitbilder, Verhaltenskodizes kann man nicht vorschreiben, man muss sie vorleben. Dies entspricht einem professionellen Führungsverständnis. Ich habe den starken Eindruck, dass es zur Zeit nur sehr wenig Top-Führungskräfte in der Schweiz gibt, die dies können und auch wollen. Gute Führungsarbeit kann ebenfalls als Handwerk betrachtet werden und man kann diese anspruchsvolle Arbeit auf diese oder jene Weise angehen und erledigen. Top-Führungskräfte kann man ohne Weiteres auch mit Kapitänen grosser Schiffeoder Flugzeuge vergleichen; sie tragen eine grosse Verantwortung, für die Firma, für ihre Mitarbeitenden, für die Volkswirtschaft und für das Land. Ich gebe Jobst Wagner recht, wenn er dazu auffordert: «Engagieren Sie sich!». Aber:

An wen richtet sich diese Aufforderung? Wer soll sich engagieren? Dass sich Schwergewichte aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport engagieren sollten, scheint klar. Was unklar erscheint, ist die Forderung, dass jeder Einzelne sich engagieren müsse – u.a. weil es ein Privileg sei, in der Schweiz zu leben und damit dies auch so bleiben würde, alle gefragt seien.

Stimmt grundsätzlich, nur – weshalb und wozu soll man sich engagieren, wenn man keinen Sinn (mehr) darin sieht? Viele Menschen in der Schweiz sehen keinen Sinn nicht mehr, sich zu engagieren, haben innerlich längst emigriert. Wen wunderts? Weshalb sollte man noch mitmachen? Es wird ja nicht nur nicht besser, sondern es wird für viele immer schlimmer. Unternehmerisches Denken hin oder her; mit der Zeit resignieren die einen: „Erst das Fressen, dann die Moral“.

Andere würden sich auch trotz immer schwierigeren Umstände gerne engagieren – aber es fehlt an Ressourcen wie Geld, Zeit, Raum und Energie. Ich kennen viele fähige Menschen mit guten und cleveren Ideen; aber wenn Sie Kinder haben, im Monat zwischen fünf- bis achttausend Franken, meinetwegen sogar zehn- oder zwölftausend, verdienen, sich regelmässig weiterbilden, noch etwas für den Körper tun oder ein Hobby betreiben und noch ein ganz klein wenig Zeit für Entspannung, respektive Regenerierung aufbringen wollen, dann spricht keiner mehr von ernsthaftem Engagement. „Erst das Fressen, ...“ zum Zweiten. Der Mittelstand war einmal eine tragende Säule der Gesellschaft und wer heute immer noch nicht verstanden hat, dass dies nicht mehr so ist, sollte dringend „über die Bücher gehen“. Ich stimme auch Georg Kohler zu, wenn er postuliert, dass es Reformen, neue Institutionen und neue mentale Modelle für ein funktionierendes Milizsystem braucht. Sofern wir dies auch wirklich wollen.

Wege aus der Situation

Es gibt sie sicher. Es verhält sich ähnlich einer Firma, die mit einer engagierten Mannschaft erfolgreich sein will. Man muss Sinn vermitteln können, damit Ausserordentliches möglich wird. Die Frage des verdienten deutschen Personalfachmanns Thomas Sattelberger hat es einmal auf den Punkt gebracht: «Wollen Sie Sinngemeinschaften oder Söldnertruppen führen?»

Auch die Wirtschaft als Ganzes muss sich anders, besser organisieren sowie professioneller auftreten. Sie muss sich Fragen stellen, wenn sie tatsächlich will, dass es anders, besser wird. Wo war sie und was hat sie unternommen, als es um das Volksbegehren mit dem unsäglichen Titel „Masseneinwanderungsinitiative“ ging? Wie konnte es so weit kommen, dass wir uns mit einem Mangel an Fachkräften konfrontiert sehen und welche Gegenmassnahmen hat die Wirtschaft ergriffen? Wieso gibt es hierzulande fähige, motivierte 50-jährige mit viel Erfahrung, die keinen Job mehr finden und womit gibt die Wirtschaft Gegensteuer? Woher rührt der alarmierende Anteil an Erwerbstätigen, die als Burnout-gefährdet gelten und wie handhabt die Wirtschaft dies?

Die Präsentation des Lösungsvorschlags i.S. Immigration von Arbeitskräften vom 08. Januar 2015 einiger Spitzenwirtschaftsverbände hat bei vielen den Eindruck verstärkt, dass die Wirtschaft zur Zeit schlecht organisiert, etwas ratlos ist und wenig professionell auftritt: Weder hat sie ein Bild der Einigkeit hinterlassen, noch wurden griffige, konkrete Handlungsansätze präsentiert. Im Weiteren fehlen der Wirtschaft heute ganz offensichtlich die Leaderfiguren, die als glaubwürdige Aushängeschilder taugen und Sinn vermitteln können. Auch Sinn für Engagement.

Zur erwähnten Präsentation empfiehlt die Journalistin Angela Barandun in ihrem Kommentar im Tagi vom 09. Januar 2015, dass die Wirtschaft Beziehungsarbeit leisten muss. Ich stimme dem voll zu. Echte Führungsarbeit ist Beziehungsarbeit, ist Dialog, ist Austausch. Zur Beziehungsarbeit gehören auch Neugier, Interesse für Anderes, Zuhören, Bilderklärung und ein konstruktiver Umgang mit Unterschieden.

Zweitens muss auch die Wirtschaft als Ganzes Werte vorleben. Vorschreiben funktioniert, wie schon erwähnt, nicht. Die Wirtschaft muss in die Handlung gehen; kraft ihrer Macht kann sie das auch. Sie muss lernen, offener und wohl ehrlicher zu kommunizieren. Sie muss sagen, was sie tut und das tun, was sie sagt. Dies ist ein elementarer Baustein für den Aufbau von Vertrauen; so kann mit der Zeit auch wieder wertvolle Glaubwürdigkeit erreicht werden.

Schritt für Schritt

Mir gefällt das Bild der „Bausteine“ in verschiedener Hinsicht: Einerseits gibt es Bausteine, wie Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Zuhören, Dialog, Toleranz und Kooperation, die für eine funktionierende Gesellschaft und für deren positive Weiterentwicklung unverzichtbar sind. Andererseits gefällt mir das Bild der Bausteine auch als Ermutigung dafür, voran zu gehen, in die Handlung zu gehen. Ich bin ein Freund kleiner Projekte: Die Wahrscheinlichkeit der Realisierung und einem erfolgreichem Abschluss ist zum einen wesentlich höher als dies bei grossen Projekten der Fall ist. Es muss ja nicht gerade ein neuer Flughafen sein. Zum anderen sind kleinere Projekte auch überschaubarer und berechenbarer. Und  sie machen wesentlich mehr Spass! Man kann eher einen Erfolg feiern. Und sich dem nächsten Projekt widmen. Schritt für Schritt, mit konkreten Handlungen und sichtbaren, messbaren Resultaten kommt man voran.
Es ist das Prinzip des stillen Schaffens. Zwar wenig spektakulär, aber stetig und unaufhaltsam können in kleinen Schritten ohne allzu grosse Risiken Veränderungen realisiert werden und plötzlich lassen sich die vorher eher unscheinbaren Mosaiksteinchen zusammenfügen zu einem grösseren Ganzen. Veränderung zum Besseren kann so anfangen.

Hier in der Schweiz liegen Millionen, wenn nicht Milliarden brach. Man könnte einen ganz kleinen Teil davon in sinnstiftende Projekte investieren, die Menschen, Generationen und ganze Systeme verbinden. Gelungene Projekte, die Sinn generieren, können vielen wieder den Glauben an Engagement zurückgeben. Wenn man wollte, könnte man in die Zukunft der Schweiz investieren. Ideen dafür existieren.

Mit freundlichen Grüssen, Stephan D. Aebersold, Bern